Am 22. Oktober 1940 wurden alle Juden aus Baden, der bayerischen Pfalz und der Saarpfalz aus ihren Wohnungen herausgeholt, zu Sammelstellen gebracht und mit Zügen vierter Klasse in das südfranzösische Lager Gurs deportiert. Es war der letzte Tag des jüdischen Laubhüttenfests.

Wie diese ungeheuerliche Deportation vor sich ging, hat der Emmendinger Auschwitz-Überlebende Rolf Weinstock in seinem Buch „Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands“ (Volksverlag Singen 1948) anschaulich beschrieben. Mit seiner Mutter Sofie Weinstock und seiner Großmutter Nanette Heilbrunner hatte er zuletzt in der Karl-Friedrich-Str. 38 in Emmendingen gelebt:

Es war ein kalter, unfreundlicher Herbstmorgen, als gegen sieben Uhr unsere Flurtürglocke ertönte. Meine Mutter, die schon den Morgenkaffee bereiten wollte, schrak zusammen. Dann ging sie schnell hinaus. Als sie die Flurtür geöffnet hatte, stand vor ihr eine große hagere Gestalt, ein Gendarm.

‚Wohnt hier ein Rolf Weinstock?‘, fragte er mit scharfen Worten. Und außerdem hatte er die Namen meiner Mutter und meiner achtzigjährigen Großmutter genannt. ‚Ja‘, hatte meine Mutter mit unsicherer Stimme geantwortet. ‚Gut. Ich habe den Befehl, Sie alle drei in spätestens 50 Minuten mitzunehmen. Packen Sie das Nötigste zusammen und nehmen Sie für 14 Tage zu essen mit.‘ Meiner Mutter zitterten die Knie. Sie stand und wollte noch etwas fragen. Doch, – – es kam kein Wort heraus. Der Beamte schnitt auch jede weitere Frage mit dem kurzen Bemerken ab: ‚Beeilen Sie sich, Sie haben nur 50 Minuten Zeit.‘

Da war meine Mutter aus ihrer Erstarrung erwacht. Angstverzerrt und mit schreckerfüllten Augen trat sie an mein Bett, rüttelte mich aus dem Schlaf und sprach: ‚Steh schnell auf, Rolf. Wir müssen alle weg. Ich wecke Großmutter. Und dann müssen wir schnell noch das Nötigste zusammenpacken!‘

Einen Augenblick starrte ich meiner hinauseilenden Mutter nach. ‚Wir sollen weg?‘ – – ‚Wohin?‘ Aber dann, – – greuliche Bilder standen vor meinen Augen, – – ein Bedauern um Mutter und Großmutter faßte mich, – – alles geschah blitzartig, – – war ich mit einem Sprung aus dem Bett. Ich wußte ja, was es heißt, nachts oder zu jeder anderen Zeit den Befehl zu bekommen: ‚Schnell, schnell!‘

Mein inneres Gefühl sagte mir, es gehe wieder in ein Konzentrationslager. Während ich in völliger Verwirrung mein wenigen Habseligkeiten packte, rannte meine Mutter geschäftig hin und her. Ich war verwundert, wie gefaßt sie wieder war. – – Mein liebe, gute Mutter, sie war in der Zeit des Leidens immer die Schützende, immer die Helfende, stets die Sorgende. Sie packte, sie zog meine Großmutter an, sie beruhigte mich, als ich in einem Augenblick des größten Jammers den Gashahn öffnen wollte. – – Sie fand in der größten Hetze noch Zeit zu liebevollen Worten und Ermahnungen: ‚Willst Du uns allein lassen, Rolf?‘

Inzwischen hatte der Gendarm den Schlüssel für den Gashahn an sich genommen. Er drängte zur Eile. ‚Schnell, – – schnell!‘ – – Ach, ich kannte diese Worte ja so gut. – – Ich half packen. – – Und, wie es allen Leidensgenossen erging, so auch uns – – wir packten zumeist Nichtigkeiten, – – was uns gerade in die Hände fiel und uns teuer und wertvoll schien. Was aber besonders notwendig war, wir bemerkten es erst später, das war daheim geblieben.

An Lebensmitteln waren vorhanden: 1 Brot, etwas Butter, eine Thermosflasche mit Kaffee und noch einige winzige andere Sachen. – – Was sollten wir auch haben?

Die Zeit war herum. Wir waren aber auch fertig. Der Gendarm, wohl eine bessere Seele unter rauher Schale, legte meiner Mutter ein Papier zur Unterschrift vor, das sie nach kurzem Durchlesen unterschrieb. Zu überlegen war ja nichts. Der Inhalt war:

‚Ich bescheinige hiermit, daß ich mein Wohnungsinventar zurücklasse und es in treue Obhut der jüdischen Reichsvereinigung Berlin gebe.‘

Alsdann versiegelte der Gendarm die Tür und klebte einen Zettel daran: ‚Amtlich versiegelt. Beschädigung verboten. Geheime Staatspolizei.‘

Es war acht Uhr geworden. Mit schweren Schritten traten wir den Weg in das ‚Wohin?‘ an. Die Koffer in den Händen, 100 Mark in der Tasche, – – mehr durften wir nicht mitnehmen, – – stiegen wir die Stufen hinab. Meine Mutter stützte meine alte, leise weinende Großmutter. Auf der Straße blieben wir einen Augenblick stehen und warfen einen Blick zurück. Wir verließen unser Heim, in welchem wir lange Jahre glücklich und in Frieden gelebt hatten. ‚Ade, du liebes, trautes Heim!‘ – – Und wohin ging es nun?

Auf der Straße lärmten und lachten einige Kinder. Die Erwachsenen, die aus dem Fenster geschaut hatten, waren zurückgetreten. Mit vielen der Nachbarn hatte uns aufrichtige Freundschaft verbunden. – – Sie schwiegen. Unser Herz war so schwer. Und der Himmel hing voller Sorgen.

Mutter und Großmutter gingen voraus. Ich ging hinterdrein. Wir hätten heulen, – – schreien mögen. Langsam folgte der Gendarm. Er nahm Rücksicht auf das Alter meiner Großmutter. ‚Woher kommt uns Hilfe?‘, fragte ich mich. ‚Wo sind die Freunde?‘ – – ‚Ach‘, kicherte dann ein Kobold in meinem Hirn, und es schmerzte mich tief, – – ‚in der Not – – sind alle Freunde tot!‘ Wir wurden nach einer Garage geführt. Dort waren schon viele Juden aus unserer Stadt versammelt. Männer und Frauen, Kinder und Greise. Aller Augen waren schmerzerfüllt. Wie aus Scham wagten wir nicht aufzuschauen. – – Doch, – – warum Scham?! – – Wofür? – – Weswegen? – – Nach und nach hoben sich die Blicke. Wir schauten uns an und fragten ohne Worte immer wieder: ‚Wohin? – – Wohin wird es gehen?‘

Gegen zwölf Uhr mittags kamen drei große Omnibusse mit je zehn Mann Bewachung. ‚Alles einsteigen! Wer versucht, zu entfliehen, wird erschossen!‘ brüllte ein alter Wachtmeister. Langsam setzten sich die Wagen in Bewegung. Nach kurzer Zeit erkannten wir, es geht in Richtung Freiburg vorwärts. Es ging durch schmale Nebenstraßen auf Umwegen, nach dem Freiburger Güterbahnhof. Dort hielten die Wagen. Wir mußten aussteigen und uns zu den bereits versammelten Juden aus Freiburg und Umgegend gesellen.“

Rolf Weinstock in seinem Buch „Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands“ (Volksverlag Singen 1948)

Rolf Weinstock beschreibt weiter, wie sie in eine öde, kalte Halle mit wenigen Bänken geführt wurden und sich auf einen dünn mit Stroh belegten Steinfußboden legen mussten. Die ganze Nacht rollten überfüllte Züge mit Juden aus anderen Regionen durch den Bahnhof. Am übernächsten Tag in Freiburg erhielten die Menschen etwas Suppe. Um 10 Uhr stießen SS-Leute jeweils zehn Personen in ein Abteil. Die Fenster durften nicht geöffnet werden. Die SS drohte mit Erschießen. Einmal erhielten die Menschen in den Zügen eine kleine Ration Brot. Ihr deutsches Geld mussten sie abgeben und  erhielten dafür französische Francs. Nach fünf Tagen erreichte der Zug über Lyon und Toulouse Oloron-Sainte-Marie, von wo aus die Menschen mit Autos ins Lager Gurs gebracht wurden. Dort wurden Männer und Frauen sofort getrennt.

Gurs liegt im Département Pyrénées-Atlantiques 80 Kilometer vor der spanischen Grenze, war mithin eines der vielen Lager im unbesetzten Teil Frankreichs. Die SS-Leute hatten den Zug an der Demarkationslinie verlassen.

Das Lager Gurs war im April 1939 auf einem 80 Hektar großen Gelände provisorisch als Lager für politische Flüchtlinge und Kämpfer des Spanischen Bürgerkriegs errichtet worden.

18.185 Menschen mussten es zwischen Oktober 1940 und November 1943 in den Baracken von Gurs aushalten. Das Lager bestand aus 13 Ilôts („kleine Inseln“) mit jeweils knapp 30 hölzernen, fensterlosen Baracken. Sie waren 24 Meter lang und sechs Meter breit. 60 Menschen wurden in eine Baracke gepfercht. Anfangs gab es nicht einmal Stroh auf dem Holzfußboden, weil die französischen Behörden mit der kurzfristig organisierten Deportation überfordert waren. Später wurde ein Strohsack auf 70 Zentimetern Breite erlaubt.

Der häufige Regen verwandelte das unbefestigte Lager in ein Schlammmeer. Die Menschen lebten unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Es war kalt, Läuse, Wanzen und Flöhe waren überall, Krankheiten wie Ruhr verbreiteten sich. Der Hunger war ein ständiger Begleiter der Menschen: Morgens gab es etwas Brühe, mittags und abends Wassersuppe mit Kichererbsen.

Aus Emmendingen wurden 67 Menschen nach Gurs deportiert, eine Person mehr, als auf den offiziellen Listen verzeichnet ist, weil die gebürtige Emmendingerin Frieda – genannt Fanny – Johl geborene Veit sich wegen eines Zahnarztbesuchs in Emmendingen aufhielt. Daher wurde sie nicht aus ihrem Wohnort Rust, sondern aus Emmendingen deportiert, wie wir aus einem Interview mit ihrer Tochter Sophie Tobias wissen. 35 Jüdinnen und Juden, die in Emmendingen geboren wurden oder zeitweise dort gelebt haben, wurden aus anderen Orten wie Freiburg, Konstanz oder Gailingen nach Gurs deportiert.

Von diesen 102 Menschen starben 33 in Gurs oder anderen südfranzösischen Lagern wie Les Milles, Noé, Récébédou oder Nexon, denn ein Teil der Menschen wurde auf andere Lager verteilt. 25 Menschen gelang die Ausreise. Die meisten konnten in die Vereinigten Staaten emigrieren, zwei Frauen und ein Mann blieben in Frankreich, einer Frau gelang die Emigration nach Palästina, ein Mann emigrierte nach Texas, einer nach Barcelona, und die Emmendinger Geschäftsfrau Emma Schwarz starb im November 1942 ein halbes Jahr nach ihrer Ausreise bei ihrem Sohn in Kapstadt. 44 Menschen wurden aus Südfrankfreich über das Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert. 43 starben dort an den furchtbaren Haftbedingungen oder wurden vergast. Rolf Weinstock überlebte Auschwitz als einziger, kehrte 1945 nach Emmendingen zurück und starb dort 1952 an den Spätfolgen der in den Lagern erlittenen Pein.

6.504 Jüdinnen und Juden wurden aus Südwestdeutschland nach Gurs deportiert, in sieben Zügen aus Baden und zweien aus der Pfalz. Mehr als 1.200 von ihnen starben in den südfranzösischen Lagern an Entkräftung oder fielen Epidemien zum Opfer. Ungefähr ein Drittel wurde nach Auschwitz deportiert. Verantwortlich für die Deportation waren die Gauleiter Josef Bürckel, Saarpfalz, und Robert Wagner, Baden. Ob sie die Deportation initiiert hatten, ist unter Historikern umstritten. Die Deportation ist als „Wagner-Bürckel-Aktion“ in die Geschichte eingegangen. Am 23. Oktober 1940 meldete Gauleiter Wagner nach Berlin, sein Gau sei als erster Gau des Reiches „judenrein“.

Die Wohnungseinrichtung der Emmendinger Juden wurde wenige Monate nach der Deportation öffentlich versteigert. Dank ausführlicher Versteigerungslisten, die jede Lampe und jedes Bett aufzählen, haben Überlebende oder Nachfahren nach dem Krieg Restitutionsansprüche gestellt, wurden aber meist nur geringfügig entschädigt und erhielten nur in seltenen Fällen Wertgegenstände zurück.