Josef Moses Bandel


    • Religiöser Name: Moshe

    geb.: 8.5.1901 in Sanok, Galizien, Polen

    gest.: 4.4.1963 in London, England

    Beruf: Kantor, Lehrer


    Wohnorte:

    1901

    Von: 8.5.1901 bis: unbekannt

    Sanok, Galizien, Polen

    unbekannt

    Von: unbekannt bis: 3.11.1920

    Gelsenkirchen

    1925

    Von: 30.11.1925 bis: 17.8.1939

    Kirchstr. 11, Emmendingen

    Emigration:

    1939

    Von: 17.8.1939 bis: unbekannt

    Aus: [?] nach: London, England


     

    Familienzusammenhänge

    Eltern:

    Mutter:

    Perla Bandel, geb. Langsam

    geb. am 9.7.1876 in Sanok, Galizien, Polen

    gest. am unbekannt in Internierungslager Bentschen

    Vater:

    Aharon Zvi Bandel

    geb. am 6.1873 in Lesko, Polen

    gest. am 20.5.1938 in Altenau, Sachsen

    Geschwister

    Bruder:

    Bernhard Bandel

    geb. am 1.11.1919 in Delmenhorst

    gest. am 1954 in Tel Aviv, Israel

    Schwester:

    Berta Simons, geb. Bandel

    geb. am 27.9.1911 in Delmenhorst

    gest. am 31.7.1944 in Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, besetztes Polen

    Bruder:

    Abraham Chaim Bandel

    geb. am 21.12.1904 in Sanok, Polen

    gest. am 11.6.1987 in Passaic Clifton City, New Jersey

    Bruder:

    Paula Schön, geb. Bandel

    geb. am 1903 in Sanok, Polen

    gest. am 31.7.1943 in Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, besetztes Polen

    Bruder:

    Selig Ascher Bandel

    geb. am 20.10.1898 in Sanok, Polen

    gest. am 28.11.1961 in Haifa, Israel


    Ehepartner:

    Hochzeit am: 18.2.1930

    in: Hannover

    Regina Bandel , geb. Brand

    geb. am 20.11.1902 in Hannover

    gest. am 18.6.1980 in Hendon, London, England

    Kinder

    Tochter:

    Ruth Frei, geb. Bandel

    1932 – 2025

    geb. am 8.8.1932 in Emmendingen

    gest. am 4.4.2025 in London, England


     

    Biografie

    Josef Moses Bandel wurde am 8. Mai 1901 in Sanok in Galizien (heute Polen) geboren. Seine Eltern sind Perla und Aharon Zvi Bandel. Josef Bandel war das zweite von acht Kindern. Er hatte einen älteren Bruder, den 1898 geborenen Selig Asher. 1903 wurde in Sanok Paula, 1904 Abraham, 1908 Benjamin und 1909 Max geboren. Die 1911 geborene Bertha und der 1919 geborene Bernhard kamen in Delmenhorst auf die Welt.

    Über Josef Bandels Leben bis zur ersten Anstellung ist nichts bekannt.

    Von Gelsenkirchen nach Emmendingen

    Vom 1. Oktober 1922 bis 29. November 1925 arbeitete Josef Bandel als Kantor in Gelsenkirchen. Das dürfte seine erste Stelle gewesen sein, denn als er sie antrat, war er 21 Jahre alt.

    Vom 1. Dezember 1925 bis 15. August 1939 war Josef Bandel in Emmendingen als Kantor, also Vorsänger und Vorbeter, sowie als Prediger und Religionslehrer der israelitischen Gemeinde angestellt. Sein Arbeitgeber war die Gemeinde. Seine Anstellung bedurfte der Zustimmung des Oberrats der Israeliten in Baden.

    Ausschreibung einer Kantorenstelle

    Wie die Emmendinger Ausschreibung einer Kantorenstelle aussah, wissen wir von Josef Bandels Vorvorgänger, dem Kantor Silbermann, dessen Stelle 1913 ausgeschrieben wurde: „Die Stelle eines Cantors u. Schochet ist in der hiesigen Kultusgemeinde vakant geworden, Gehaltfixum 1.500 M. und freier Dienstwohnung nebst Schechito u. Nebeneinkünften. Die Schechito trug im verflossenen Jahr zwischen 1.100 bis 1.200 M. ein. Reichsdeutsche geprüfte Bewerber, welche musikalisch gebildet u. befähigt sind, einen Chor zu leiten, wollen sich unter Vorlage ihrer Zeugnisse, unter Angabe ihres Bildungsganges, ihrer Familienverhältnisse an unterzeichneter Stelle melden. Seminaristisch gebildete Bewerber werden bevorzugt.“ Schechito ist die Aufsicht beim Schächten, der vom Religionsgesetz vorgegebenen Schlachtmethode. Es oblag dem Kantor, darauf zu achten, dass die Metzger beim Schächten der Tiere das Religionsgesetz einhielten. In einem Extra-Vertrag wurde festgelegt, dass Kantor Silbermann Straße und Hof zu reinigen, das Gemeindehaus zu beflaggen habe und bei den Schlachtstunden „den Wünschen der Metzgermeister weitgehend entsprechen soll." Außerdem wurde ihm zur Auflage gemacht, sich in der Musik, speziell im Gesang und in der deutschen Sprache weiter auszubilden. 

    Josef Bandels Gehalt wurde nach der Tarifgruppe E berechnet und stieg alle zwei Jahre. Sein Ausgangsgehalt waren 1 925 Reichsmark im Jahr. Zuletzt erhielt er 2 800 Reichsmark im Jahr. Dazu kam ein Wohnungsgeldzuschuss von jährlich 528 Reichsmark. Mit der Anstellung war ein Anspruch auf ein Ruhegehalt verbunden, die eine Verbindlichkeit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden war, nicht der Gemeinde. Die Kantorenwohnung befand sich im jüdischen Gemeindehaus in der Kirchstraße 11, wo heute die Jüdische Gemeinde Emmendingen ihre Verwaltung hat.

    Josef Bandel gehörte in Emmendingen dem Wohltätigkeitsverein Bikur Cholim an. Er war Klavier- und Gesangsschüler Freya Wolfsbrucks und trat bei ihren Schülerabenden auf, zum Beispiel am 18. Juli 1929.

    Familiengründung

    Am 18. Februar 1930 heiratete Josef Bandel in Hannover Regina Brand, die von dort stammte. Am 8. August 1932 kam Tochter Ruth im Haus in der Kirchstraße 11 auf die Welt. Sie blieb das einzige Kind der Bandels.

    Friedhofsverzeichnis

    Am 1. September 1937 stellte Josef Bandel ein Verzeichnis zum alten und neuen Jüdischen Friedhof in Emmendingen zusammen. Diese Aufstellung musste er an die Abteilung Sippenforschung der Reichsvereinigung der Juden in Berlin abliefern. So makaber der Grund für diese Arbeit ist, so wertvoll ist sie heute. Die Dokumentation enthält Zeichnungen der Form aller Grabsteine. Die Zeichnungen haben Simon Veit, der Hauptlehrer Isaak Hobel und Walter Wertheimer aus Emmendingen sowie Hans David Blum aus Breisach angefertigt. Im gezeichneten Umriss steht hebräisch der Name des Bestatteten und das Todesjahr. Unter den Zeichnungen hat Josef Bandel in deutscher Handschrift und mit arabischen Zahlen Namen und Daten notiert. Er hat auch vermerkt, wenn ein Stein eingesunken oder die Inschrift durch Verwitterung unleserlich war. Damit ist Josef Bandels Übersicht eine wertvolle historische Quelle. Das Original liegt im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, wurde aber mit drei Signaturen (J 386 Bü 171, J 386 Bü 172, J 386 Bü 173) digitalisiert und ist online zugänglich: Friedhofsverzeichnis Josef Bandel (sein Verzeichnis zum neuen jüdischen Friedhof hat Pfarrer i.R. Karl Günther in einer Broschüre aufgearbeitet, die im Jüdischen Museum Emmendingen käuflich erworben werden kann).

    Zunehmender Verlust der Arbeit

    In den 1930er Jahren wurde die Situation für den Kantor zunehmend schwieriger. Er sagt dazu in seinem Mantelantrag auf Wiedergutmachung vom 8. September 1952: „Als Jude war ich in jeder Hinsicht gehemmt in meiner Betätigung als Privatlehrer und durch das Schaechtverbot mein Einkommen gemindert, seit der Zerstörung der Synagogen & Jud. Schulen am 10. November 1938 stellenlos.“

    Am 20. Mai 1938 starb Josef Bandels Vater in Sachsen.

    Dachau

    Im Gefolge der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde Josef Bandel wie fast alle jüdischen Männer verhaftet und am 10. November in Dachau interniert. Am 28. Dezember 1938 kam er frei. Kein Mann hat Dachau ohne schwere Misshandlungen und Schikanen überstanden. Freigelassen wurden die Männer meistens, wenn sie ihre Emigrationsabsicht schriftlich erklärten.

    Lobendes Zeugnis

    Am 25. Dezember 1938 hatte Emil Dreifuß ein Zeugnis für Josef Bandel geschrieben. Unter anderem heißt es darin: „Ausgestattet mit einem reichen jüdischen und profanen Wissen, und über eine seltene Rednergabe verfügend, hat er es verstanden, seine Predigten und Ansprachen zu einem Erlebnis für die Zuhörer zu gestalten, sie waren sowohl erbauend als auch belehrend. Unvergesslich sind auch seine Lehrvorträge, wie auch seine wissenschaftlichen Vorträge, die er sowohl in hiesigen als auch auswärtigen Vereinen gehalten hat. Seine seelsorgerische Betreuung der Gemeindemitglieder war vorbildlich. Als Religionslehrer hat er hervorragende Leistungen vollbracht und sich somit unvergängliche Verdienste erworben. Musikalisch und stimmlich gut geschult, hat Herr Bandel auch als Vorbeter gewirkt, und auch auf diesem Gebiete werden seine Leistungen unvergessen bleiben.“

    Emigrationspläne

    Am 28. Februar 1939 gaben Regina und Josef Bandel ihre sechsjährige Tochter Ruth mit einem Kindertransport nach Basel. Mit diesem Kindertransport gelangten auch die zwölfjährige Margot Weil und die dreizehnjährige Herta Weil aus Emmendingen nach Basel.

    Das Ehepaar Bandel plante die Emigration nach England. Dorthin war Regina Bandels Schwester Jutta Lieber mit ihrem Mann und drei Kindern geflüchtet. Am 19. Juni 1939 erteilte die Devisenstelle des Oberfinanzpräsidiums Karlsruhe die Packgenehmigung für den Lift mit dem Mobiliar. Dafür hatte Josef Bandel sich mit einer Zahlung auf die Golddiskontbank in Berlin freikaufen müssen.

    England

    Sein Gehalt wurde Josef Bandel bis 1. August 1939 ausgezahlt. Am 15. August 1939 verließ das Ehepaar Bandel Emmendingen und traf sich mit Tochter Ruth am Basler Flughafen. Sie flogen zum Croydon Airport nach London und hatten eine Aufenthaltserlaubnis für zwölf Monate, mit der Maßgabe, nach Australien weiterzuziehen. Der erste Wohnsitz war die 181 Bow Road im Stadtteil Poplar. Der Lift mit 3 500 Kilogramm, der die gesamte Habe der Familie Bandel enthielt, lag im Hamburger Hafen fest und kam nie an. Hausrat, Möbel, Kleidung, Wäsche und die wissenschaftliche Bibliothek Josef Bandels mit 110 hebräischen und 110 sonstigen Büchern und Schriften für Berufs- und Studienzwecke waren verloren. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs liefen die Frachtschiffe nicht mehr aus. Für den Transport des Lifts hatte Josef Bandel der Emmendinger Spedition Wolf 2 200 Reichsmark bezahlt.

    Am 6. Oktober 1955 beschreibt Josef Bandel in einer eidesstattlichen Versicherung die Situation der Familie nach der Ankunft in London: „Ich habe bis zu meiner Internierung keine Arbeitserlaubnis gehabt und auch keinerlei Unterstützung bezogen, ich habe also keinerlei Einkünfte gehabt. Von Juni 1940 bis Dezember 1941 bin ich interniert gewesen.“ Am 6. Dezember 1955 ergänzt er: „Als ich mit meiner Familie im August 1939 nach England kam, habe ich nur 20 Mark besessen und ausser 2 Koffern mit der notwendigsten Waesche und Kleidungsstuecken nichts gehabt. Da ich nicht arbeiten durfte, noch irgendwelche anderen Geldquellen hatte, musste ich um meine dreikoepfige Familie zu erhalten, bei Freunden und Verwandten Anleihen aufnehmen.“

    Höllenfahrt auf der "Dunera"

    Auf die Internierung geht Josef Bandel nicht näher ein. Mit Kriegsbeginn wurden in England alle Deutschen pauschal als "enemy alien" (feindlicher Ausländer) angesehen und mussten sich einem Tribunal stellen, das den "Grad der Loyalität" beurteilte und die Menschen in die Kategorien A-C einstufte. Dabei spielte nur die deutsche Staatsangehörigkeit eine Rolle. Wer in die Kategorie A eingestuft wurde, wurde als "Bedrohung für die öffentliche Sicherheit" angesehen und sofort verhaftet. Josef Bandel wurde in C eingruppiert. Mit dieser Eingruppierung galt man als "echter Flüchtling vor der Nazi-Unterdrückung" und blieb in Freiheit ("considered a genuine refugee of Nazi oppression and remaining at liberty").  

    Vom 12. Mai 1940 an wurden aber alle über 16-jährigen männlichen Flüchtlinge aus Deutschland mit der Einstufung B oder C in Internierungslager gebracht. Josef Bandel wurde am 25. Juni 1940 gefangengenommen. Am 10. Juli 1940 wurde er mit 400 Jugendlichen aus jüdischen Kindertransporten und anderen Internierten unter Militärbewachung an Bord des Truppentransportes "HMT Dunera" (HMT steht für His Majesty's Transport) nach Australien gebracht. Das Ziel der Reise wurde den Deportierten nicht mitgeteilt. Der Transport auf der Dunera wurde zu einer Höllenfahrt und gilt als eines der dunkelsten Kapitel der britischen Seegeschichte. Obwohl das Schiff nur für 1 157 Soldaten ausgelegt war, kamen 2 542 Gefangene, 309 schlecht ausgebildete britische Wachen, sieben Offiziere sowie die Crew an Bord, also mehr als doppelt so viele Personen, als das Schiff aufnehmen konnte. An Bord waren neben Juden und politischen Gegnern des Nazi-Regimes auch 200 italienische und 251 deutsche Kriegsgefangene. Mit Josef Bandel musste aus Emmendingen Georg Veit die Fahrt auf der Dunera ertragen. Er war, obwohl auch ein jüdischer Flüchtling, in die Kategorie B eingruppiert worden.

    Die Lebensbedingungen auf der Dunera waren unmenschlich. Die Gefangenen mussten teilweise auf dem Boden oder auf Tischen schlafen. Es gab nur ein Stück Seife für 20 und ein Handtuch für 40 Personen. Acht Rasierapparate wurden für 2 500 Gefangene ausgegeben. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Die Wachen quälten die Gefangenen vorsätzlich, ließen sie zum Beispiel über Glasscherben gehen und warfen das Gepäck der Männer inklusive notwendiger Medikamente wie Insulin ins Meer.

    Am 26. August 1940 erreichte die Dunera Westaustralien und am 6. September 1940 Sydney. Der Arzt der australischen Küstenwache stellte sofort Strafanzeige gegen die Besatzung. Der Kapitän und die Crew wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und verurteilt. Die Gefangenen wurden in australischen Lagern interniert. Dort waren die Lebensbedingungen verhältnismäßig gut und die Wachen größtenteils anständig. Josef Bandel war vom 7. September 1940 bis 18. Mai 1941 im Lager "Hay" (New South Wales), vom 21. bis 24. Mai 1941 im Lager "Tatura Victoria" und vom 26. Mai bis 3. Juni 1941 im "Liverpool Transit Camp" in Australien. Am 4. Juni 1941 durfte er nach England zurückreisen. Am 31. Juli 1941 war Josef Bandel wieder in London, blieb aber bis 29. November 1941 in Haft.

    Arbeiter

    Nach seiner Freilassung verdiente Josef Bandel den Lebensunterhalt für seine Familie erst einmal als Arbeiter bei der Firma „British Rags and Metals LTD“. Dort war er vom 12. Februar 1942 bis 19. April 1945. Anfangs verdiente er 3,10 Pfund in der Woche, zum Schluss 4 Pfund. Von April bis Oktober 1945 war Josef Bandel an einem Knieleiden erkrankt und konnte nicht arbeiten. Vom 1. November 1945 bis Ende Juli 1947 arbeitete er im Büro der Firma „Mola’s Food Products“, einer Abteilung von „Lachman’s Kosher Food Products“. Er erhielt 4 Pfund 10 Schilling in der Woche. Er wurde entlassen, weil Lachman’s die Abteilung auflöste.

    Hohe Kosten

    Im Januar 1947 erkrankte Ruth Bandel an einer doppelten Lungen- und Rippfellentzündung und benötigte über neun Monate ärztliche Behandlung. Josef Bandel berichtet dazu am 6. Dezember 1955: „Doktors und Arzneien haben mich viel Geld gekostet. Nachher habe ich sie auf aerztliches Anraten nach der Schweiz zur Erholung schicken muessen, wo sie fast ein Jahr im Juedischen Erholungsheim in Celerina (Engadin) gewesen ist, was mich naturgemaess viel Geld gekostet hat.“

    Von August 1947 an war Josef Bandel Büroangestellter bei Romeo Trading & Co. (Government Surplus Merchants). Bis Juni 1949 verdiente er dort 4,10 Pfund in der Woche, danach 5,10 Pfund in der Woche. Am 6. Dezember 1955 kommentiert er in seiner eidesstattlichen Versicherung: „Nachdem ich nach meiner Internierung Arbeitserlaubnis bekommen hatte, und ich nie ein grosses Gehalt gehabt habe, um auskommen zu koennen, so hatte ich fortwaehrend Geld zu leihen.“ Der Ausfall während des Knieleidens kam erschwerend hinzu.

    Und die Kosten hörten nicht auf. Josef Bandel weiter: „Nachdem meine Tochter zurueck kam, habe ich sie fuer den Beruf einer Sekretaerin in Pittman’s College ausbilden lassen, was ich alles selbst zu bezahlen hatte. Im Jahre 1951 habe ich meine Tochter verheiratet und ich hatte fuer ihre Aussteuer zu sorgen. Da ich keinerlei Moebel hatte, musste ich mir endlich eine eigene Wohnung einrichten.“

    Anfang der 1950er Jahre wohnte die Familie Bandel in der 977 Finchley Road in London. Im Spätherbst 1951 heiratete Ruth Bandel Moshe Nosson Frei. Sie bekam drei Kinder.

    Wiedergutmachung

    1951 begann Josef Bandel über seinen Anwalt beim Landesamt für Wiedergutmachung in Freiburg seine Ansprüche anzumelden, für die Haft in Dachau, für Schaden im beruflichen Fortkommen, für den verlorenen Lift und für die Transportkosten des Lifts. Dessen Schicksal konnte Spediteur Wolf aufklären. Am 16. Juni 1941 hatte ihm der Hamburger Spediteur mitgeteilt, der Lift sei auf Anordnung der Gestapo Hamburg an Herrn Hugo Kilgus in Hamburg-Wandsbek, Königstraße 76, „zwecks Versteigerung“ übergeben worden. Über die Gestapo Leitstelle Hamburg sei abgerechnet worden. Am 9. Januar 1942 teilte die Geheime Staatspolizei Karlsruhe dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin mit, das Umzugsgut des Josef Bandel sei sichergestellt worden. Am 7. Februar 1942 bat „Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD“ in Berlin dem Oberfinanzpräsidenten Berlin hinsichtlich des sichergestellten Umzugsguts „das Weitere hinsichtlich der Verwaltung und Verwertung des Vermögens zu veranlassen“. Am 10. Juli 1942 wandte sich der Oberfinanzpräsident in Berlin-Brandenburg – Vermögensverwertungsstelle – mit der Frage an den Oberfinanzpräsidenten in Karlsruhe, ob sie zuständig seien. Karlsruhe leitete die Frage am 22. Juli 1942 an das Finanzamt Emmendingen weiter. Das bestätigte am 11. September 1942 die Übernahme des Bandelschen Vermögens. Am 9. März 1943 ließ die Geheime Staatspolizei Karlsruhe das Finanzamt Emmendingen wissen, dass der „Jude Bandel“ unter „die Bestimmungen der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25.11.1941“ falle. Das bedeutete, dass der Versteigerungserlös an das Deutsche Reich fiel.

    Nach und nach erreichten Josef Bandel die Bescheide aus Deutschland. Am 6. Dezember 1955 billigte ihm das Landesamt für Wiedergutmachung für die Zeit vom 1. September 1939 bis 30. September 1952 eine Entschädigung wegen Schadens im beruflichen Fortkommen von 4 802,92 Deutsche Mark zu. Davon musste er seinem Rechtsanwalt 342 Mark überlassen.  Am 28. März 1957 wurde die Summe auf 7 275,77 Deutsche Mark erhöht, so dass Josef Bandel noch 2 472,85 Mark zustanden.

    1955 lautete die Adresse des Ehepaars Bandel in London 45 Vincent Court, Bell Lane.

    Am 23. August 1957 gewährte ihm das Landesamt für Wiedergutmachung Freiburg 440 Deutsche Mark Entschädigung für die Transportkosten des Lifts. Davon musste er seinem Rechtsanwalt 100 Mark bezahlen. Die Oberfinanzdirektion Hamburg setzte einen Betrag von 15 360 Deutsche Mark als Entschädigung für das verlorene Umzugsgut fest.

    Vom 1. Januar 1961 an erhielt Josef Bandel aus Deutschland eine Rente von anfangs 610,16 Deutsche Mark. Im Januar 1962 beauftragte Joseph Bandel im Januar 1962 einen Anwalt, einen Antrag auf Entschädigung wegen haftbedingter Gesundheitsschäden zu stellen.

    Tod

    Am 4. April 1963 starb Joseph Bandel im West-Londoner Hospital Hammersmith an seinem Herzleiden. Er war 61 Jahre alt.

    Josef Bandel litt an einer Aorteninsuffizienz, also einem Herzklappenfehler, der seinem englischen Arzt zufolge möglicherweise die Folge eines Gelenkrheumatismus in früher Jugend war. Sein Herz habe deshalb eine „abnorm grosse Arbeit“ leisten müssen. Die Inhaftierung in Dachau habe ihm deshalb viel nachhaltiger zugesetzt. Dieser Ansicht schloss sich das Landesamt für Wiedergutmachung auf der Basis eines ärztlichen Gutachtens nicht an. Der Antrag auf Entschädigung wegen Schadens am Leben wurde am 12. April 1965 abgewiesen, weil das Herzleiden nicht ursächlich mit der Haft in Dachau zusammenhänge.

    Regina Bandel starb 1980 in London.

    Schicksal der Angehörigen

    Perla Bandel wurde am 28. Oktober 1938 im Rahmen der sogenannten "Polenaktion", der Ausweisung polnischer Juden aus Deutschland, ins Internierungslager Bentschen (Zbaczyn) verschleppt. Dort verliert sich ihre Spur. Paula Schön wurde mit ihrem Ehemann Leopold und zwei Kindern 1943 aus Mechelen nach Auschwitz deportiert. Alle wurden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet. Abraham Bandel wurde 1938 im Rahmen der sogenannten "Polenaktion" abgeschoben, konnte aber über Trinidad und Brasilien in die USA ausreisen und starb 1987 in New Jersey. Benjamin Bandel wurde 1943 ebenfalls von Mechelen aus nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Max Bandel starb 1930 bei einem Autounfall in Hamburg. Bertha Simons wurde mit Ehemann Albert und der einzigen Tochter 1944 in Auschwitz-Birkenau ermordet. Bernhard Bandel emigrierte über England nach Palästina und starb 1954 in Tel Aviv.

    Dorothea Scherle

     

    Photographien

    Josef Bandel (Quelle: Privatarchiv David Frei).
    Kantor Josef Bandel in der Emmendinger Synagoge (Quelle: Jüdisches Museum Emmendingen).
    Kantor Josef Moses Bandel (Quelle: Geni Stammbaum).
    Regina Bandel geborene Brand, die Ehefrau von Josef Moses Bandel (Quelle: Geni Stammbaum).
    Josef Moses Bandel, Foto aus seiner sogenannten "Judenkennkarte" vom 8. Februar 1939 (Quelle: Stadtarchiv Emmendingen).
    Ruth Frei mit einem ihrer Söhne, Regina und Josef Bandel in London (Quelle: Privatarchiv David Frei).
    Regina und Josef Bandel in London (Quelle: Privatarchiv David Frei).
    Regina Bandel und ihre Tochter Ruth Frei (Quelle: Privatarchiv David Frei).
    Aharon Zvi Bandel, der Vater von Josef Moses Bandel (Quelle: Geni Stammbaum).
    Perla Bandel geborene Langsam, die Mutter von Josef Moses Bandel (Quelle: Geni Stammbaum).
    Grabstein von Josef Moses Bandel auf dem Adath Jisroel Cemetery in London (Quelle: Find A Grave).
    Grabstein von Regina Bandel auf dem Adath Jisroel Cemetery in London (Quelle: Find A Grave).
    Grab von Josef Bandels 1961 in Haifa verstorbenem Bruder Selig Ascher Bandel (Quelle: Billion Graves).

    Dokumente

    Zu den Gesangs- und Klavierschülern Freya Wolfsbrucks gehörte Kantor Josef Bandel. Beim Schülerabend am 18. Juli 1929 trat er viermal auf (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 6120).
    Englisches Register 1939 (Quelle: My Heritage).
    Befreiung von der Internierung in England (Quelle: Ancestry).
    Predigt von Josef Bandel zu Rosh Hashana (Neujahrsfest) 1939, geschrieben kurz nach seiner Emigration nach England (1) (Quelle: Archiv Jüdisches Museum Emmendingen).
    Predigt von Josef Bandel zu Rosh Hashana (Neujahrsfest) 1939, geschrieben kurz nach seiner Emigration nach England (2) (Quelle: Archiv Jüdisches Museum Emmendingen).
    Predigt von Josef Bandel zu Rosh Hashana (Neujahrsfest) 1939, geschrieben kurz nach seiner Emigration nach England (3)(Quelle: Archiv Jüdisches Museum Emmendingen).
    Predigt von Josef Bandel zu Rosh Hashana (Neujahrsfest) 1939, geschrieben kurz nach seiner Emigration nach England (4)(Quelle: Archiv Jüdisches Museum Emmendingen).
    Brief von Synagogenrat Alfred Odenheimer an Kantor Josef Bandel vom 12. Oktober 1934 (Quelle: Jüdisches Museum Emmendingen).
    Bescheinigung des Israelitischen Oberrats für Kantor Josef Bandel vom 7. November 1935.
    Brief von Synagogenrat Alfred Odenheimer an Kantor Josef Bandel vom 2. Juli 1936 (Quelle: Jüdisches Museum Emmendingen).
    1937 erstellte Josef Bandel ein Verzeichnis aller Gräber auf dem alten und neuen jüdischen Friedhof in Emmendingen und schrieb dieses Vorwort dazu (1) (Quelle: HStaS J 386 Bue 171 Bild 2).
    1937 erstellte Josef Bandel ein Verzeichnis aller Gräber auf dem alten und neuen jüdischen Friedhof in Emmendingen und schrieb dieses Vorwort dazu (1) (Quelle: HStaS J 386 Bue 171 Bild 3).
    Beispiel für eine Seite aus Josef Bandels Gräberverzeichnis auf dem alten jüdischen Friedhof in Emmendingen (Quelle. HStaS J 386 Bue 171 Bild 11).
    Zeugnis von Emil Dreifuß für Kantor Josef Bandel vom 12. Dezember 1938 (Quelle: Archiv Jüdisches Museum Emmendingen).
    Der israelitische Wohltätigkeitsverein Bikur-Cholim bestätigt am 17. Januar 1939, dass Josef Bandel ein wohltätiges Mitglied war (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4186).
    Der Israelitische Frauenverein bestätigt Josef Bandel am 25. Januar 1939 seine wertvollen Dienste (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4186).
    Zeugnis des Oberrats der Israeliten Karlsruhe für Josef Bandel vom 14. Februar 1939 (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4186).
    Zeugnis des Synagogenrats für Josef Bandel vom 12. April 1939 (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4186).
    Sogenannte "Judenkennkarte" von Josef Moses Bandel (Vorderseite) (Quelle: Stadtarchiv Emmendingen).
    Sogenannte "Judenkennkarte" von Josef Moses Bandel (Rückseite) (Quelle: Stadtarchiv Emmendingen).
    Passagierliste vom 7. August 1940. Josef Bandels Bruder Abraham Bandel reiste von Brasilien nach New York (Quelle: My Heritage).
    Die Firma British Rags and Metals bestätigt Josef Bandel am 3. Oktober 1955, dass er von Februar 1942 bis April 1945 bei ihnen angestellt war (Quelle: Sta F F 196/1 Nr. 4186).
    Die Firma Lachman's bestätigt, dass Josef Bandel von November 1945 bis 1947 bei ihnen angestellt war (Quelle: StaF 196/1 Nr. 4186).
    Die Firma Romeo Triding Co. bestätigt, dass Josef Bandel von Juni 1949 an bei ihnen angestellt war (Quelle: StaF F 196 1 Nr. 4186).
    Eidesstattliche Erklärung Josef Bandels vom 6. Oktober 1955 (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4186).
    Eidesstattliche Erklärung Josef Bandels vom 6. Oktober 1955 (Quelle: StaF F 196/1 Nr. 4186).
    Todesindex mit dem Namen von Josef Moses Bandel (Quelle: My Heritage).

     

     

    Archiv & Quellen:

    Gedruckte Quellen / Publikationen

    • Fessman, Jasper, Georg(e) Veit und die Dunera, in: Günzburger, Bert, Familie Veit, Berlin 2017, 38 bis 45
    • Jenne, Hans-Jörg/Auer, Gerhard (Hgg.), Geschichte der Stadt Emmendingen, Band 2 Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1945, Emmendingen 2011, Seite 502.591.686f.690.701

    Archivalien

    ArchivQuelleSignatur
    Stadtarchiv Emmendingen Meldekarte

    Staatsarchiv Freiburg Bandel, Joseph, geb. 1901

    F 196/1 Nr. 4186

    Staatsarchiv Freiburg Bandel, Josef, Emmendingen

    P 303/4 Nr. 513

    Hauptstaatsarchiv Stuttgart Emmendingen Gräberordnung Alter Teil Grabstein-Nr. 1-302, S. 6-34 Gräberordnung Neuer Teil Grabstein-Nr. 303-560, S. 35-56 (digitalisiert)

    J 386 Bü 171

    Hauptstaatsarchiv Stuttgart Gräberverzeichnis 1907-1936 (digitalisiert)

    J 386 Bü 172

    Hauptstaatsarchiv Stuttgart Emmendingen + und Gräberverzeichnis 1899-1940

    J 386 Bü 173

    Privatarchiv David Frei

    Geni Stammbaum, verwaltet von Eliav Frei, Adrian Frei und David Frei

    My Heritage Deutsche Minderheiten Volkszählung 1939

    My Heritage 1939 Register von England und Wales

    My Heritage England & Wales, Todesverzeichnis, 1837-2005

    Ancestry Großbritannien, ausländische Internierte im 2. Weltkrieg, 1939-1945

    Find A Grave Joseph Bandel